"Warum handelst Du, als gäbe es etwas Wichtigeres als Leben?"
Also:
Es gibt so allerlei Schrecken in den Welten: wütende Orks oder mordlüsterne Dunkelelfen, die ganze Häuser / Dörfer / Landstriche massakrieren – mit Außnahme jeweils eines Kindes, denn so steht es geschrieben in ehernen Steintafeln, unten in... wir schweifen ab – verheerende Hungersnöte oder Götterzwiste, die auf Flucht oder Questen treiben, dunkle Ohmen, uralte Bestimmung, all dies und noch viel mehr. Doch das schlimmste, unabänderlichste, gnadenloseste Unheil hat einen anderen Namen; so alt wie die Schöpfung selbst und ebenso stur: Jugendliche.
Nach noch nicht einmal zweihundert Jahreszeitenwechseln beschloss eines dieser Exemplare, es sei an der Zeit, die Welt ausserhalb der vertrauten Felswände zu erkunden.
Ein kurzer Einschub zu besagten Felswänden sei gestattet. Wir reden nämlich nicht von den Höhlen und Tunnelsystemen der einheimischen Drachen, Zwergen, Hobbits, Gnomen und Kaninchen, sondern den Felszacken, die sich, der Oberansicht einer Seeschlange gleich, in den tieferen Regionen des Dunkelwaldes Esbornias, aus dem Erdreich erheben. Einige frühere Wanderer hatten behauptet, diese Felsformationen würden sich verschieben und so – gleichsam über Nacht – dem verwirrten Fremden ein Fortkommen erschweren und ein Orientieren fast verunmöglichen. Aber das sind selbstverständlich nichts als Gerüchte; in den letzten Jahrzehnten fand sich niemand mehr, der so etwas hätte bestätigen können. Gut, in eben diesem großen, recht unzugänglichen Waldstück standen nun vor einer Weile zwei Gestalten, die jenes reiselustige Geschöpf verabschiedeten. Eine hiervon dürfte noch ein Begriff sein. Catalyn, jene Hexe, welche vornehmlich in den Grenzgebieten zu Askaron als Heilerin, Hebamme und auch sonst hilfreiche Person bekannt und für ihre hübschen, folkloristischen Tanzabende für Damen [mit den Ingwerplätzchen und Bucheckernkuchen!] berühmt ist. Sie überreichte ihrer Tochter einen lilafarbenen (legendären) Umhang gegen die Kälte, draußen in der Stadt, ein Proviantpäckchen und einen Stab aus dunkelwälderlichem Narguttholz, versehen mit allerlei Segenssprüchen. Auf welchen Pfaden genau ist das (tollkühne) Wesen in die esbornische "Gar Sonderbar" verschlug, wollen wir nicht weiter verfolgen; lediglich der Hinweis, dass jemand, der sich laut klingelnd durch einen Wald bewegt nicht als "Opfer im klassischen Sinne" in den Statuten der "esbornischen Räuber" und "Räuber Esbornias" aufgeführt ist – und sie wissen warum. Somit sollte auch endlich die leidige Frage nach den Regressansprüchen abgehandelt sein. In besagter Bar machte nun Endyja die Bekanntschaft des Hobbits Aragon. Es sollte sich herausstellen, dass einige von Geburt an gegebene Besonderheiten des Hobbits und der Waldbewohnerin nicht nur magischen, sondern gar göttlichen Ursprungs sind. Als Beispiel sei hierfür jene spezielle Kommunikation zuwischen Endyja und den Bäumen erwähnt. Scheint es einem außenstehenden Betrachter, als führe sie ein anhaltendes Selbstgespräch oder schlafe – angelehnt an einen Stamm, so beweist ihr späterer Wissenszuwachs, dass hierbei tatsächlich die (famose) Bindung des Blutes ein Austausch der Gedanken ermöglicht. Es sei eingeräumt, diese Fähigkeit ward ihr nicht ohne weiteres zuzutrauen, wies ihr Gemüt doch so überreichlich... kindliche Züge auf. Doch erinnere man sich an das alte Wort über die Wahrheit von sehr jungen, sehr alten, sowie sich dem Narrentum verschriebenen Menschen. Wie dem auch sei, Endyja erkannte sich als Vertreterin Seths, eines der neun großen Götter, Herrscher über den Wuchs und das Gedeihen. In den Versuch, andere Verkörperungen der Neunheiten zu finden und im Glauben, ihrer Aufgabe als Wahrerin des Gleichgewichtes dieser neun Elemente gerecht werden zu sollen, bereiste sie von nun an die Welten. Hier zeigte sich oftmals, wie weise jener Gott seine Wahl traf, denn welch anderes Wesen würde sich tatsächlich immer, immer wieder Felsen und Bäumen nähern, deren Schimmern bereits Hinweis auf ihre besondere Natur gibt? ("Aber sie haben doch soooo toll geleuchtet und da dacht’ ich, ich guck mal und plötzlich war ich gaaaanz woanders... und da war’s ziemlich gefährlich! ")
Nach und nach gaben sich zahlreiche Geschöpfe als Vertreter der Neunheiten zu erkennen und streiften oftmals gemeinsam umher. (Alles weiter hierzu sei bitte in den Neunheitenchroniken zu recherchieren.) Dabei blieb jedoch genug Zeit, um Eltern, Freunden und hoffentlich gefüllten Vorratskammern einen Besuch abzustatten.
Im Laufe der Zeit erstarkten bei den zahlreichen sonstigen Prüfungen auch die (magischen) Fähigkeiten Endyjas. Es zeigte sich zudem, wie sehr ihr körperliches und seelisches Wohl an das ihrer lebendigen Umgebung gebunden ist. Und... nach einem kleineren magischen Missgeschick... z.T. auch ihren Begleiter Aragon; verspürt sie stärkere Emotionen seinerseits doch in ihrer Nasenspitze. Ein bisschen kompliziert, als sich zusätzlich eine aufmüpfige Elfen-Ahnin - zwecks Beobachtung eines angehenden Großmeistermagiers - sich gelegentlich ihres Körpers bediente, aber was tut man nicht alles für Freunde und die versprochenen Süßigkeiten...
Einige Jahre lang waren die Tage so auch hinreichend gefüllt mit genüsslichem Gammeln, der Suche nach einem hübschen Ferienhäuschen und hin und wieder einem Weltrettungsritual, Kategorie A bis E. Doch lassen sich gewisse Dinge nicht ewig abwimmeln: Die eigene Neugier, Haustürverkäufer, das vage Gefühl, nicht immer ganz so das Richtige zu tun und penetrante Gottheiten – deren göttlicher Geduldsfaden deutlich überstrapaziert – auf die Einhaltung ihrer Pläne bestehen. So pirschen sich Veränderungen an, wie sie das gemeinhin tun – leise und von hinten.
Denn wer neugierig und ein bisschen unvorsichtig ist, den verletzt auch fremder Schmerz. Auch fremde Angst lässt frieren. Und fremde Tränen verfolgen einen in die eigenen Träume. Die wohlgepflegte Ignoranz kriegt Risse. Neue Bilder formen sich aus neuen und alten Eindrücken. Der verbitterte, lebensüberdrüssige Krieger in einer fremden Taverne: "Die Götter haben in ihrer Weisheit die Welten in ihrer Schönheit erschaffen. Doch was haben wir daraus gemacht?!". Menschen, Gesichter, ihre Geschichten. Angst, Leid und Einsamkeit unter schmutzigen Schichten aus Zorn und Seltsamkeiten. Die göttliche Lebenslust – ein seltener Funke. Kaum einer, der die geheimnisvollen Tiefen unter dem Sichtbaren kennt, der um seine Gabe, seine Bestimmung, seinen Weg weiß.
So vieles, was schlecht sei; so viele Wesen, die ohne den Segen des Gottes der Pflanzen und des Lebens dahinsiechten – das sei doch ein unhaltbarer Zustand, äußerte Endyja. Sie wünsche, daran etwas ändern zu können. – Auch eine Möglichkeit, herauszufinden, welche Macht Wünsche haben.
Und gleichsam über Nacht hat man plötzlich alle Hände voll zu tun...
Sie geht mittlerweile regelmäßigen Arbeiten im Jahresverlauf nach, wie der Einsegnung von Feldern bei der Saat, dem Dank bei der Ernte, dazwischen die Bitten um Fruchtbarkeit und die für all dies notwendige, handfeste Vorbereitung und Pflege des Bodens.
Dazu Kontrolle von Feld, Wald und Wiese auf Störungen und Abhilfe dieser und auch Anwesenheit oder Hilfe beim Lebenszyklus von Tier, Mensch und was sonst noch so rumkreucht und -fleucht.
Sammeln und verteilen von Samen und Pflanzen gehört ebenfalls zu den anfallenden Tätigkeiten, so dass der Garten des kleinen Häuschen im Dunkelwald zusehends einer botanischen Sammlung gleicht, was zum regen Austausch mit Gut Kitschen und Isenwerk geführt hat.
All diese neuen Aufgaben erfordern neben Zeit und Hingabe, auch Können und Wissen. Fast einen Jahresumlauf wandert sie durch die Welten zu jenen Orten, an denen Unheil entstand und vertrieben wurde. Die Orte, an denen "das große Ritual" "die Welt gerettet hat". Kargheit, Ödnis und Verbitterung begegnen ihr. Niemand, der half die Leichen zu begraben und die Toten zu betrauern, der die Felder reinigte, die Schule mit aufbaute und versicherte, ab jetzt würde alles gut. Die Helden sind fort. Traurigkeit beschwert. Wie weit reicht die eigne Kraft?
"Warum zerstören Herrscher ihre Länder? Warum zaubern Magier so oft das Übel herbei? Wo sind Glück und Vertrauen? Das Wissen, was wichtig und richtig ist?"
Zusehends zeigt sich, wie sehr solche Geschehnisse der Welten beeinflussen und somit die Bewahrung von Schönheit und Gleichgewicht bei, wenn nicht gar in den Lebewesen liegt.